Auszug aus „Mein Leben“ von Gerbermeister Otto Kuhn sen. über seine Situation als 77 Jahre alter Rentner während der Hyperinflation nach dem 1. Weltkrieg 1923

Der Kleinrentner steht morgens wenn es hell ist auf, denn er muss am Lichte sparen. Er zieht lange Militärunterhosen an, die schon getragen waren, auf dem Leibe hat er ein total geflicktes Kittelchen, das seine letzten Dienste tut, ebenso ein stark geflicktes Sommerhemd, beide haben zur Zeit keine Knöpfe, er hat daher mit einem schwarzen Bendel die Knopflöcher gebunden. Hemdkragen hat der Kleinrentner schon seit 5 Monaten keinen mehr getragen, die Stärke ist teuer und er muss sparen. Er behilft sich mit einem baumwollenen Schlips, sonntags und werktags. Nun die Hosen: Solche hat er vor ca. 6 Jahren in der Werkstatt getragen, sie haben Flecken und Flicke, sind von verschiedenen Stoffen, dazu kommt ein altes zusammengeflicktes Leible, hierzu kommt noch ein ausgetragenes wollenes Kittelchen und schließlich als Unikum ein abgesägter dicker Überzieher dazu. Ein paar stark genagelte Rohrstiefel wie es Rentner nicht tragen. So könnt ihr euch nun den Kleinrentner etwa vorstellen. Zum Anziehen dieser Lumpen gebrauchte er eine halbe Stunde, der Kleinrentner muss sparen, alles ausnützen. Da nun Kleider teuer sind, kann er sich keine mehr leisten bei den wahnsinnig hohen Preisen.

Waschen tut er sich täglich, aber ohne Seife denn diese kostet ein Stückchen jetzt 1.200 Mark und der Kleinrentner muss sparen. Auf die Straße kann er in genannten Anzuge nicht gehen, den er fürchtet von den Leuten bemitleidet oder verspottet zu werden. Er bleibt daheim in seinen 4 Pfählen und schaut zum Fenster hinaus. Das kostet nichts, weil er aber weit von der Straße ist und im Hinterhaus wohnt, sieht er nicht viel, deshalb setzt er sich links oder rechts vom Ofen, läuft, wenn es ihn an den Füßen friert hin und her, das Holz ist sehr teuer. Ein Ster Buchen bis 10.000 Mark und der Kleinrentner muss sparen.

Was das Essen belangt, isst er wie früher, täglich 5mal, Not hat er bisher keine gelitten, doch hat sich der Küchenzettel geändert, der Artikel Fleisch ist verschwunden, kostet doch das Pfund 1.400 Mark und mehr, das kann sich der Kleinrentner nicht leisten, doch gibt es immer eine gute Base oder Vetter die mit Metzget oder sonst etwas nachhelfen. Auch die Frau des Kleinrentners wollte durch Zucht von Kaninchen beitragen. Anfangs glückte die Sache, wir hatten schon ein altes und 8 halb erwachsene Hasen; da brach ein Hund (wahrscheinlich) am letzten Samstag den 3. Februar 1923 in den Stall und holte 7 Stück, nachdem 2 schon vorher getötet waren; nun haben wir noch ein Stück; Kleinrentner braucht keinen Hasenbraten, er hat weder Wein, Bier noch Schnaps zu Hause, war das letzte Mal beim Bier im November 1922 im Bräuhaus, seitdem in keiner hiesigen Wirtschaft mehr, war kürzlich in Meßkirch, ohne einzukehren. Die Kleinrentner haben hierzu kein Geld, kostet doch ein Viertel Wein 300 Mark 3 1/2 Dezi, Bier 80 Mark, Most hat der Kleinrentner hinreichend zu trinken und dieses Jahr auch Obst, das ist das Einzige was wir noch hinlänglich haben.

Am Sonntag geht er zur Kirche, da wünscht ihm ein alter Bekannter „Einen guten Morgen“, welches er erwidert. Das ist das einzige Gespräch einer ganzen Woche mit einem Mitmenschen, denn ins Haus kommt wochenweise weder ein Mann noch ein Fremder. Arbeiten tut Kleinrentner den Winter gar nicht, außer das nötige Wasser zu holen. Hier kann er Rentner spielen, das kostet ja nichts. Milch hatten wir von der Post (Anm.: Gasthof Adler) bis 1. Juni 1922, wo Theres (Schwiegertochter) ihre Brautkuh holte, nun haben wir Milch gutmütigkeitsweise von vorne (vom Sohn im ‚vorderen Geschäftshaus‘), sie kostet sonst 900 Mark pro Liter, würde mo­natlich 2.700 Mark sein, das könnte sich Kleinrentner nicht leisten und müsste er wieder wie andere den Kaffee schwarz trinken. Einige Wochen hat er es schon probiert, es ging. Nachdem Kleinrentner tagsüber etwas gelesen, wegen der Augen nicht viel, über sein früheres und jetziges Leben Vergleiche angestellt, große Langeweile gelitten, geht er abends 7-8 Uhr zu Bett, um anderentags das gleiche Leben zu beginnen und an allem ist die völlige Geldentwertung schuld.

„Und die Moral von der Geschicht,
werde ein Kleinrentner nicht!
Mache lieber fetten Pfründen
und zieh in die Kammer hinten.
Halte Maul und mist den Rindern,
hüte Schweine, hüte Kinder.
Du brauchst weder Holz noch Kohlen,
brauchst kein Fleisch beim Metzger holen.
Du kannst hinterm Ofen hocken,
essen von geteilten Brocken.
Tut das Geld den Wert verlieren,
wird es so nicht viel genieren.“


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