Erinnerungen von Bernhard Glöckler an ein Stück Walder Dorfleben in einer anderen Zeit.

„Mein Jugendzimmer war mal eine Bank!“ Das können sicher nicht viele Menschen von sich behaupten. Ich schon. Die „Kasse“, so hat man damals gesagt, das war ein kleines Zimmer bei uns im Haus, heute Hohenzollernstraße 11, gleich rechts, wenn man zur Haustüre reinkam. Dort war von Anfang der 1950er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre die Zweigstelle der Hohenzollerischen Landesbank Sigmaringen in Wald, zu Beginn noch als eine „Einnehmerei“ (Bild 1).

Bild 1: Emaille-Schild der „Spar- und Leihkasse für die Hohenzollerischen Lande“ am Hauseingang

Mittelpunkt des Raumes war ein nicht übermäßig großer, für damalige Verhältnisse aber durchaus repräsentativer Schreibtisch, gelbe Resopalplatte, gefertigt in der hauseigenen Schreinerei. Auf dem Tisch die Insignien seriöser Bankgeschäfte: grüne Schreibunterlage aus wertigem Gummi, Schreibtischset mit Tintenfass und Abroller in Marmoroptik, Brieföffner aus Metall mit dem Logo der Landesbank. Vor und hinter dem Schreibtisch jeweils ein Stuhl aus Holz mit spiralgefederter Polstereinlage, selbstverständlich auch hausgemacht, einen für den Zweigstellenverwalter, einen für die Kundschaft. Man saß sich also direkt gegenüber beim Gespräch, Auge in Auge sozusagen, und lernte sich somit im Laufe der Zeit somit zwangsläufig auch persönlich ziemlich gut kennen. Weshalb der Versuch mancher Kunden, die eigene Kreditwürdigkeit mit einem kräftigen „Sie kennen mich ja!“ hervorzuheben, hinter den Kulissen durchaus auch mal Heiterkeit hervorrufen konnte. Ich lernte anhand solcher Begebenheiten jedenfalls sehr früh, dass das persönliche Auftreten einer Person und der Geldbestand auf ihrem Konto zwei ganz verschiedene Dinge sein können.

Bild 2: Büromaterial aus der „Kasse“

In der rechten Ecke des Raums der freistehende, grünlich-graue Tresor mit Bartschloss, zur Linken der elfenbeinfarbene Holzofen. An der Wand das dreiteilige, nussbaumfarben (wie alle anderen Möbelstücke bei uns) gebeizte Schränkle für Schreibmaterial, Kontoauszüge und andere Bankunterlagen. Das Schränkle wurde stets sorgfältig abgeschlossen, die Schlüssel blieben aber immer stecken, zusammengenommen also eher eine psychologische Hemmschwelle denn ein echtes Hindernis. Die Botschaft dahinter war aber unmissverständlich: Das hier geht niemanden was an. Auf dem Schränkle schließlich das schwarze Bakelit-Telefon mit Wählscheibe, zur damaligen Zeit das zweitwichtigste Kommunikationsmittel, nach der Briefpost.

Die Zweigstelle hatte zwar reguläre Öffnungszeiten, aber die „Kasse“ war eigentlich immer offen. 24/7 würde man heute sagen. Man war ja da. Im Haus, im „Schopf“ oder sonst irgendwo auf der Wiese oder im Garten. Wer Geld holen oder Geld loswerden wollte, konnte also ziemlich sicher sein, jemanden anzutreffen. Das kleine Fenster in unserer Autogarage habe ich in diesem Zusammenhang ganz besonders in Erinnerung. Von dort hatte man direkten Blick auf die Haustreppe, konnte also gut sehen, ob jemand vor der Haustür stand (Bild 3). Für mich als kleiner Bub war das von großer Wichtigkeit. Es war nämlich so, dass ich die auf der Straße vorbeifahrenden Fahrzeuge anhand ihres Geräusches ziemlich gut zuordnen konnte. Der Verkehr hielt sich noch in Grenzen damals und die meisten Fahrzeuge kamen immer wieder mal vorbei, der Schulbus, die Kieslaster, der FIAT 500 Abarth von meinem Cousin. Alles, was nicht in dieses Raster gepasst hat, war für mich somit erst mal „auffällig“. Ein kurzer Blick durch das Garagenfenster genügte, um die Lage zu erfassen und dem Vater oder der Mutter bei ihrer Arbeit berichten zu können, dass gleich Kundschaft um die Ecke kommt. Es war nämlich durchaus üblich, dass die Leute sich auf dem ganzen Anwesen auf die Suche nach einem Geldgeber machten, wenn niemand die Haustür öffnete.

Bild 3: Bernhard mit Opa Theodor, im Hintergrund die Autogarage

Besonders aufregend für mich war immer der Sonntagmorgen. Am Sonntag strömten die Menschen aus den umliegenden Dörfern erst in die Kirche und dann in die Geschäfte. Die Läden hatten sonntags alle offen und die Zweigstelle der Landesbank natürlich auch. Die Frauen machten sich auf den Weg zum Bäcker Deeg und zum Metzger Gabele, die Männer auf den Weg zu uns. Es gab damals im Ort nur die Hohenzollerische Landesbank und dementsprechend groß war auch bei uns der Andrang. Der Hausgang stand deshalb stets voll mit schwatzenden Männern, die nach und nach in die „Kasse“ vorgelassen wurden. Für mich war diese Männerkette eine perfekte Spielwiese. Mit meinem Traktor Marke Massey Ferguson ihre klobigen Schuhe zu umfahren, oder noch besser zu überfahren, das war für mich das Höchste. Und für die wartenden Männer auch.

Dass in der „Kasse“ nicht nur Geldgeschäfte getätigt, sondern auch ganz andere Dinge besprochen wurden, habe ich erst viel später erfahren. Mit meiner Grundschullehrerin zum Beispiel, die natürlich auch Kundin bei uns war. Irgendwann, so hat mein Vater mir später verraten, ist in der „Kasse“ wohl auch über mein Verhalten in der Schule und über meine schulischen Leistungen gesprochen worden. Ergebnis: Der Bub kann auf’s Gymnasium. So wurde es dort beschlossen und so kam es dann auch. Die Bank war zur damaligen Zeit einfach eine Plattform für alle Lebenslagen, nicht nur für die Geldgeschäfte.

Bei Bedarf wurden Geldgeschäfte auch noch am Samstagabend abgewickelt. Samstag war Badetag, das heißt, meine Mutter heizte mit Holz den Badeofen an und dann wurde der Reihe nach gebadet, die männlichen Hausbewohner hatten dabei selbstverständlich Vorrang. Irgendwann zwischen sieben Uhr und acht Uhr klingelte es in der Regel an der Haustür und einer von denen, die schon ausgebadet hatten, machte auf. Da stand dann ein junger Mann, der Geld gebraucht hat. „Zum Fortgau“, hieß es. Das war an sich nicht sonderlich problematisch, es war nur so, dass das Bargeschäft am Samstagabend nicht in der „Kasse“ erledigt wurde, sondern auf dem Esstisch in der Stube, zwischen den Schüsseln und den Tellern für das Abendessen, die dort schon aufgebaut waren. Später, als ich schon etwas älter war und der erste Nordmende-Fernseher Einzug gehalten hatte, spielte sich das Ganze in gleicher Weise auch bei laufendem Fernseher ab. Auch das war kein grundsätzliches Problem, es sei denn, der junge Mann kam früher am Abend, während „Raumschiff Enterprise“ lief. Da war bei mir die Toleranzgrenze für persönlichen Service erreicht, Kundenorientierung hin oder her. Solche Störfaktoren konnte ich dabei gar nicht brauchen und ich glaube, er hat das auch gemerkt.

Später am Abend kam oft noch der „Automaten-Leo“. Der „Automaten-Leo“ betreute in den umliegenden Dörfern die Zigaretten- und Kaugummiautomaten und samstags leerte er immer die Auffangbehälter für die Münzen. Ergebnis: vier oder fünf prall gefüllte Kunstlederbeutel voller Münzen. Also rein damit in die gute Stube, Tischtuch weg, Reissverschlüsse auf und alles auf einen Haufen auf den Tisch. Da saßen wir dann für den Rest des Abends vor diesem Berg, zu zweit, manchmal auch zu dritt, jede Person ausgestattet mit einem Münzroller und Münzpapier von 1 Pfennig bis 5 Mark. Bis er weg war, der Berg. Der „Automaten-Leo“ war da natürlich längst wieder unterwegs oder in einer der Dorfwirtschaften, nicht ohne zuvor im Vorbeigehen mit seiner Unterschrift bestätigt zu haben, dass der Münzberg von der Vorwoche exakt sagen wir mal eintausendvierhundertunddrei Mark und sechsunddreißig Pfennig wert gewesen war. Vertrauen war noch eine echte Währung damals.

Bild 4: Zweigstelle der Landesbank in der Ortsmitte

Mit dem Umzug der Zweigstelle in die Ortsmitte von Wald im Frühjahr 1976 änderte sich alles, sagen wir mal: fast alles. In den ehemaligen Laden von Kaisers, heute Hohenzollernstraße 23, war eine riesige Panzerglasfront eingebaut worden mit drei(!) Schaltern, alle ausgestattet mit verschiebbaren Schubladen, in denen Geld, Sparbücher und Belege und hin- und hergeschoben wurden. Rechts und links der Schalter kleine Plexiglasständer, gefüllt mit farbigen Prospekten zum Weltspartag und zum Bausparen, irgendwo dazwischen etwas Grünlilie als Deko. Auf der anderen Seite, hinter dem Panzerglas, zwei riesige Schreibtische für die Bankbediensteten, jetzt mit Drehstühlen und ein mannshoher Panzerschrank, jetzt mit Zahlenschloss. Ich war zu der Zeit schon etwas älter und von der ganzen Aktion schwer beeindruckt. Das hatte jetzt etwas Erhabenes, wenn man eintrat, das sah jetzt alles nach einer richtigen Bank aus. Selbst die Öffnungszeiten wurden nun ziemlich konsequent eingehalten. Für mich persönlich hatte die ganze Sache darüber hinaus einen bedeutenden Nebeneffekt. Mit dem Umzug wurde bei uns zu Hause die ehemalige „Kasse“ frei und ich durfte dort mein Jugendzimmer einrichten.

Ich war jetzt täglich in der Bank. Meinem Vater fiel das Schreiben zunehmend schwer, die Kriegsverletzung an seiner rechten Schulter machte ihm zu schaffen. Die vielen Unterschriften, die er zu leisten hatte, waren genug für ihn. Ich hatte deshalb die Aufgabe, spätnachmittags die tägliche Abrechnung zu schreiben. Dafür wurde ein gebundenes Buch verwendet mit Durchschlagpapier, in das fortlaufend sämtliche Ein- und Auszahlungen händisch eingetragen werden mussten.

Der Bankbetrieb ging natürlich weiter, während ich schrieb, und so habe ich zwangsläufig mitbekommen, wer da kommt und was gemacht wird. Der weitaus größte Teil derer, die kamen, war einfach „normale“ Kundschaft, die Geld abheben oder einzahlen wollte. Hin und wieder kam aber auch Kundschaft, die mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist. Der adrett gekleidete junge Mann beispielsweise, mit dem Opel GT, diesem für viele unerreichbar gebliebenen Männertraum der damaligen Zeit. Immer top gepflegt und frisch frisiert (das Pitralon konnte man selbst hinter der Panzerglaswand noch riechen), in freudiger Erwartung frischen Geldes zu Monatsbeginn. Nicht selten musste er die Zweigstelle aber gesenkten Hauptes wieder verlassen nachdem mein Vater ihm klargemacht hatte, dass der am Monatsende eingegangene Lohn gerade so ausgereicht hat, um das auszugleichen, was im Vormonat an Überziehung aufgelaufen ist und er ihm Stand heute maximal einen Hunderter geben kann.

Das andere Ende des Spektrums sozusagen verkörperte für mich jener ältere Herr, der mit dem Traktor kam, Messerbalken eingeklappt. Blau-weiß gestreiftes Leinenhemd, Ärmel und Kragen abgewetzt, die graue Hose notdürftig zusammengehalten von einem Band aus Stroh, wie sie zum Binden der Garben verwendet wurden. Im Mund einen Stumpen vom Deeg, Weiße Eule oder so. Wenn er kam, dann in der Regel um Geld einzuzahlen oder um Rechnungen zu begleichen. Geld abheben war bei ihm eher die Ausnahme, vielleicht mal zu Weihnachten oder vor dem Pfullendorfer Kirbemarkt. Von ihm ist mir vor allem eins geblieben. Er legte beim Begleichen seiner Rechnungen stets größten Wert darauf, dass der Rechnungsbetrag „glatt“ gemacht wird, sprich: Pfennigbeträge wurden beim Überweisen konsequent zu Null abgerundet. Das hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt.

Manchmal musste mein Vater nachmittags noch wegfahren, Kundenbesuche machen oder so. Dann war ich für einige Stunden zusammen mit meiner Mutter in der Zweigstelle, oder auch mal ganz alleine. Meine Mutter war zwar „nur“ als Reinigungskraft beschäftigt, fühlte sich aber stets mitverantwortlich dafür, dass „die Bank“ funktioniert. Die meisten Kunden akzeptierten das auch anstandslos, aber da waren auch diese Männer, die mit suchendem Blick den Schalterraum betraten und ohne zu grüßen fragten: „Isch da Maa au doo?“ Meine Mutter konnte wirklich viel ab, aber nach solchen Äußerungen kochte es schon in ihr drin. Nach so einem Erlebnis konnte es sich durchaus bis zum Abendessen hinziehen, bis sich die Lage bei ihr wieder beruhigte.  

Gegen halb fünf Uhr nachmittags wurde es dann regelmäßig etwas hektisch. Die Abrechnung musste spätestens um fünf Uhr auf der Post sein und zuvor musste Kassensturz gemacht werden, sowohl in der Kassenschublade als auch im Tresor. Die Bilanz im Tresor war oft tagelang dieselbe, weil der Kassenüberschuss (die Leute haben damals tatsächlich überwiegend mehr eingezahlt als abgehoben) täglich zur Post gebracht wurde und der Bestand im Tresor somit unverändert blieb. Die Geldbündel im Tresor wurden aber trotzdem jeden Tag gezählt, um ganz sicher zu gehen, dass alles, was geschrieben stand, auch wirklich da war. Da gab es keine Kompromisse. Ich habe es trotzdem immer gern getan, das Geldzählen, auch nach Jahren noch. Das hatte einfach was, als junger Kerl so viel Geld in der Hand zu halten. Vor allem die Bündel mit den Tausendmarkscheinen hatten es mir angetan. Bis der Ausruf „Etz aber flott, s’isch glei faife!“ meine Glückseligkeit abrupt beendete und mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Also schnell alles rein in den schwarzen Kunstlederbeutel mit dem Aufdruck „Hohenzollerische Landesbank“, das Geld, die Abrechnung, die Belege und raus damit, ein Stück den Gehweg runter und die Treppe hoch zur Postfiliale, direkt gegenüber vom Bäcker Gabler. Geschafft.

Bernhard Glöckler

November 2025


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